taz - die tageszeitung | 06.12.2013 | Essay

Der Abgang des Bad Boy

Guido Westerwelle tritt ab - und wird überraschenderweise fehlen.

Sieger zeigen gemeinhin Größe, indem sie sich im Triumph bescheiden geben. Anders Guido Westerwelle. Es war Oktober 2009, die FDP feierte auf ihrem Parteitag in Berlin den triumphalen Wahlsieg. Westerwelle trat ans Podium, lobte die Partei und damit sich selbst. Bei den Koalitionsverhandlungen habe die FDP ihre Forderungen nach Steuersenkungen durchgesetzt. "Und wer das als kalte Politik bezeichnet", rief er in den Saal, "dem ist in seiner Hirnverbranntheit nicht mehr zu helfen."

Westerwelle, der viel Gescholtene, zeigte sich ausgerechnet seinem größten Wahlerfolg nicht gewachsen. Verwundert war darüber wohl niemand. Der FDP-Politiker hat seine Laufbahn auf einem kühlem Kalkül aufgebaut: Er nahm es hin, wenn 85 oder 90 Prozent der Bürger ihn und seine Partei ablehnten - solange der Rest sie wählte.

Vor vier Jahren brachte Westerwelles Taktik der FDP 14,6 Prozent der Zweitstimmen ein - ein Rekord. Es war der Höhe- und Wendepunkt einer erstaunlichen Karriere. Ihm folgten Wahlniederlagen, verbale Ausfälle, gebrochene Wahlversprechen, ein zäher Sturz und das späte Einleben ins Außenamt. Bald werden die FDP-Bundesminister dem schwarz-roten Kabinett weichen müssen. Dann tritt Westerwelle, der nur noch geschäftsführend im Amt ist, auch offiziell ab.

Mit dem 51-Jährigen geht der letzte deutsche Spitzenpolitiker, der die Bevölkerung spaltete. Er wurde gehasst oder bewundert. Dazwischen gab es, die letzten Jahre als Außenminister ausgenommen, nichts.

Darin ähnelt Westerwelle Politikern, deren politische Ausrichtungen ihre charakterlichen Gemeinsamkeiten verdecken: Der wortgewaltige Oskar Lafontaine wurde abseits seines Wählermilieus als Populist verabscheut. Joschka Fischer und Jürgen Trittin teilten nicht nur die Grünen in Anhänger und Gegner.

Das hatte zum Teil mit ihren klassenkämpferischen Attitüden aus Jugendzeiten zu tun, viel mehr aber mit ihrer Fähigkeit zur schneidenden Rede, zu Häme und Spott. Lafontaine, Fischer und Trittin haben die Bühne verlassen. Mit Westerwelle folgt ihnen der Letzte einer Art: der Politiker mit Mut zur Unbeliebtheit. Bei seinem Abgang zeigt sich, wie sehr die Politik sie braucht. Sie sind unbeliebt, aber nicht beliebig.

Das Polarisieren ist die Sache kleinerer Parteien, die nicht für sich in Anspruch nehmen, für jeden wählbar zu sein. Noch einen Monat vor der Bundestagswahl ergab eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, dass sich 18 Prozent der Wahlberechtigten vorstellen könnten, die FDP zu wählen. Weniger Wählerpotenzial hatte nur die Linke mit 15 Prozent. Warum also um Bürger werben, die ohnehin kein Kreuz bei der FDP machen? 2009 ging diese Taktik voll auf, 2013 führte sie ins Desaster.

Heute will niemand mehr der Watschenmann sein. Peer Steinbrück, als Finanzminister hoch geschätzt, polarisierte als Kanzlerkandidat nicht, weil er es wollte. Sondern weil er nicht anders konnte. Alle streben dorthin, was in Anbetracht mangelnder Inhalte plump "Mitte" genannt wird. Sie ist nicht beständig, die deutsche Sehnsucht nach ihr hingegen schon. Die Karriere Merkels ist, so gesehen, kein Ausrutscher der deutschen Politik, sondern ihr konsequenter Ausdruck.

Die Angela Merkel der Grünen heißt Katrin Göring-Eckardt, die der Linkspartei Katja Kipping. Und Christian Lindner, der Nach-Nachfolger Westerwelles, wirbt um bisherige Grünen- und SPD-Wähler, gibt sich verbindlich, selbstkritisch und empathisch.

Je voller die Mitte, desto leerer wird es ringsum. Was übrig bleibt, füllen Neulinge wie die AfD. Ihr Anliegen befeuert Emotionen. Aber sollte sich die Euro-Krise entschärfen, wird auch das Interesse an der AfD abflauen.

Westerwelles FDP aber erfüllte über Jahre eine wichtige Stelle im deutschen Parteiensystem: die Rolle des Bad Boys, den man gerne hasst. Denn Menschen definieren sich auch darüber, was sie ablehnen. Ähnlich bei Parteien: Grüne, Linke, SPD, ja selbst die Union gewinnen an Kontur, wenn sie sich mit der "Privat vor Staat"-FDP vergleichen. Der Kontrast wird fehlen. Man muss die Freidemokraten nicht mögen, um ihren Abgang und den Westerwelles zu bedauern.

Wichtiger als seine Forderungen war ihm stets der Lärm, den sie produzierten. Als Oppositionspolitiker verlangte er von seinen Mitarbeitern an jedem Morgen Vorschläge, wie er es in die Schlagzeilen schaffen könnte: Forderungen, Vorwürfe, irgendwas Knackiges. So ist er aufgestiegen. Und so entstanden auch seine Krisen.

Westerwelles demonstrative Selbstgewissheit kaschiert eine große Unsicherheit. Als Sohn zweier Anwälte wird er 1961 in Bad Honnef bei Bonn geboren. Die Eltern lassen sich scheiden, da ist er noch nicht zehn Jahre alt. Nach Ansicht seines ersten Biografen, des FAZ-Journalisten Majid Sattar, traumatisiert die Trennung den Jungen. Vom Gymnasium muss er auf eine Realschule wechseln, erst zur Oberstufe kehrt er dorthin zurück. Westerwelle fühlt sich ungeliebt. Er kämpft dagegen an - auf eine Art, die auch seine Politikführung prägen wird.

In der Oberstufe muss Guido einmal eine Deutschklausur über Goethe schreiben. Sein Lehrer urteilt später, der Schüler Guido habe den Text vermutlich gar nicht verstanden, sich stattdessen "schnell eine Meinung gebildet und diese dann mit seinem ausgeprägten Mundwerk sehr selbstsicher vertreten". Doch diese Selbstgewissheit ist aufgesetzt. Alles Schmeichelnde, Joviale und Selbstironische bleibt ihm fremd. Die einzige Rolle, die dem Gehemmten Sicherheit gewährt, ist die des schneidigen Anklägers.

Als er 2009 Außenminister wird, fremdelt er daher mit der Rolle, die das Gegenteil all dessen fordert, was zu seinem Aufstieg beigetragen hat: Zurückhaltung, Maß und Abwägen. Er palavert von "spätrömischer Dekadenz", wohl ohne selbst zu wissen, was genau er damit meint. Nur mit Glück behält er, als er 2011 den Parteivorsitz abgeben muss, seinen Ministerposten.

Erst, als ihm alle anderen Wege versperrt sind, nimmt er die Rolle des Außenministers an. Er krempelt die Führung des Auswärtigen Amtes um, vom Staatssekretär bis zum Büroleiter. Seither wirkt Westerwelle, als sei er bei sich angekommen. Es muss eine bittersüße Erkenntnis für ihn sein: Von dem Moment an, in dem er nicht mehr mit aller Kraft um Anerkennung ringt, wirkt er einigermaßen authentisch und erntet auch deshalb Zustimmung.

Westerwelle wird fehlen. Nicht als Chef eines Ministeriums, das unter ihm weiter an Einfluss gegenüber dem Kanzleramt eingebüßt hat. Sondern als Politiker mit dem Mut, sich gegen fünf Sechstel der Bevölkerung zu stellen. Denn auch das sechste Sechstel hat ein Anrecht auf Repräsentation, ob man dessen Ansichten teilt oder nicht.

Der Mann, der sich seinem größten Wahlerfolg nicht gewachsen zeigte, dankt ab. Es sieht aus, als spiele er ausgerechnet seine letzte Rolle blendend: die des guten Verlierers.

© Contrapress media GmbH – Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags