taz. die tageszeitung | 19.03.2014 | Kolumne

Nationalismus, Sozialismus, Karaoke

Im kommunistischen Vietnam muss Konservatismus zu Hause sein.

Hier irgendwo muss er sein. In Vietnam leisten sich die Menschen schließlich aus der Zeit gefallene Leidenschaften, zu denen sich Deutsche höchstens betrunken bekennen: Nationalismus, Sozialismus und Karaoke. Und deshalb werde ich ihn hier garantiert finden: lebendigen Konservatismus.

Von Hanoi im Norden bis Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden will ich das Land der Länge erkunden. Wie es sich gehört, lese ich mir kurz vor der Landung die wichtigsten Fakten an: Vietnam ist geprägt vom Konfuzianismus, der Gehorsam lehrt gegenüber Staat und Familie. Die Kommunistische Partei herrscht mit einer Mischung aus Dogmatismus und Pragmatismus. Vietnam ist eine Art katholischer Kirche mit Sandstrand.

Deshalb muss vitaler Konservatismus hier zu finden sein. Denn was ist heute konservativer als das Befolgen einer eineinhalb Jahrhunderte alten Ideologie? Noch dazu in einem Land, dessen Bewohner als die Deutschen Südostasiens gelten: fleißig, folgsam und humorlos.

Ich lande in Hanoi. Einst Hauptstadt des kommunistischen Nordvietnams, heute des ganzen Landes. Im Lonely Planet lese ich: „Der bezaubernde Hoan-Kiem-See ist das Herzstück des alten Hanoi.“ Der Reiseführer behält recht. Sofern man „bezaubernde“ durch „Smog verhangene“ ersetzt, „das Herzstück“ durch „die Shopping-Meile“ und „alten“ durch „neuen“.

Werte zu verkaufen

Ich suche Zuflucht in einem Restaurant. In einer Ecke steht ein hölzerner Buddha. Sein Kopf lehnt gelassen auf dem aufgestellten Knie, die Augen sind geschlossen. Ein Bild inneren Friedens. Als ich aufbreche, sage ich dem Betreiber: „Ihre Buddhafigur ist sehr schön.“ Der Mann lächelt und sagt: „Danke. Ich mache Ihnen einen guten Preis.“

Von meiner Suche nach lasse ich mich nicht abbringen. Ich fliege nach Hoi An: Hort einer einzigartigen Altstadt aus dem 15./16. Jahrhundert, Unesco-Weltkulturerbe-Stätte. Konservativer geht’s nicht. Ich gehe durch die Gassen. Sie sind voller Menschen. Manche sind vielleicht sogar Vietnamesen. Hoi An erweist sich als Touristenort.

Vor einer Galerie hängt ein kleines Gemälde, das mir sehr gut gefällt. Die Betreiberin versichert mir, sie verkaufe ausschließlich Werke hiesiger Künstler. Ich kaufe das Bild. Am nächsten Tag schlendere ich wieder an der Galerie vorbei. An der Stelle, an der mein Gemälde hing, hängt eine exakte Kopie.

Letzter Versuch. Ich fliege nach Ho-Chi-Minh-Stadt. Mein Sitznachbar sagt: „Wir Vietnamesen haben Jahrhunderte der Kolonialherrschaft und Kriege erlebt. Chinesen, Franzosen, Japaner und Amerikaner, dann der Kommunismus. Jetzt blicken wir in die Zukunft!“ Ich setze mir Kopfhörer auf.

In Ho-Chi-Minh-Stadt husche ich über überfüllte Straßen, auf denen Jugendliche mit „Hello Kitty“-Helmen auf Mopeds fahrend in ihr iPhone sprechen. Dann erreiche ich endlich mein Ziel: ein Geschäft für alte KP-Propagandaposter. Wehmütige Erinnerungen an eine Zeit, die es so nie gegeben hat. Ein Paradies für Konservative. Um mich herum ausschließlich Westler. Vietnamesen haben von authentischer vietnamesischer Kultur nun mal keine Ahnung.

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