taz - die tageszeitung | 13.02.2013 | Kolumne

Weißt du, wie groß mein Penis ist?

Sagen Sie Männern doch mal, wie lieb Sie sie haben.

Neulich erhielt ich Post von mir. Als ich morgens, noch benebelt vom alkoholisierten Vorabend, meine Mails abrief, war darunter auch eine von mir selbst. Warum sollte ich mir eine Nachricht schicken? Erst recht eine mit der Betreffzeile „Weißt du eigentlich, wie groß mein Penis ist?“.

Merkwürdige Frage, dachte ich, schließlich kenne ich die Antwort. Langsam begriff ich, was geschehen war. Am Vorabend hatten Gastgeberin, Gastgeber und ich zu vorgerückter Stunde Dinge thematisiert, über die wir normalerweise nicht reden, nämlich Kinderbücher.

Der Gastgeber berichtete vom immensen Erfolg des Buchs „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“. Darin übertrumpfen ein Hasenjunge und sein Vater einander in ihren wechselseitigen Zuneigungsbekundungen. Wie wäre es, fragte der Gastgeber, wenn man an diesen Erfolg anknüpfte? Sein Vorschlag: ein Buch namens „Weißt du eigentlich, wie scheiße ich dich finde?“.

Super Idee, sagte ich. Aber wenn das Prahlen zweier männlicher Hasen sich so gut verkauft, sei es doch logisch, noch einen Schritt weiter zu gehen. Und der Ursprung des Prahl-Drangs von Männern liege schließlich, Entwicklungspsychologen zufolge, in deren Körpermitte.

Zur Erinnerung an meine blendende Buchidee schickte ich mir die erwähnte Mail, die ich am nächsten Morgen mit Freude löschte.

Denn nüchtern betrachtet sehe ich weit weniger Anlass, sich über angebliche Penisprahlerei unter Männern lustig zu machen. Gibt es irgendeinen Leuchtturm, irgendein Hochhaus, über das niemand geurteilt hat, das sei ja ein Penisersatz, ein peinlicher Ausdruck männlicher Größenfantasien? Dabei dachte ich immer, Leuchttürme seien so gebaut, damit Schiffe sie von weitem sehen können. Und die Höhe von Häusern habe auch zu tun mit den örtlichen Grundstückspreisen.

Die Gastgeberin des trunkenen Abends hat mich seither bei jedem Aufeinandertreffen auf meine Gin-Tonic-Idee angesprochen. Wie bizarr sie gewesen sei. Und wie ich denn, um Himmels willen, darauf gekommen sei, meinen Penis, nun ja, hervorzuheben. Da hat sie natürlich recht.

Können Sie sich vorstellen, dass Frauen ihre sichtbarsten Körperausbuchtungen betonen, sie mit Halterungen versehen, damit diese besser zur Geltung kommen, mitunter gar größer wirken? Und schielen Frauen etwa darauf, ob andere Frauen „mehr“ haben? Na also.

Entwicklungspsychologen sagen, die Konzentration von Männern auf ihre Penis-Beschaffenheit habe mit ihrer Außenfixierung zu tun: Wem in der Kindheit beigebracht werde, dass der Ausdruck von Gefühlen „unmännlich“ sei, der versuche, diese abzuspalten. Der Kontakt zu den eigenen Emotionen breche ab. Übrig bleibe den Heranwachsenden die Fixierung auf messbare, äußere Dinge. Wir müssen uns Maschinenbaustudenten als unglückliche Menschen vorstellen.

Wer also Ruhe vor Penisgeprahle will, sollte Kerlen freundlich begegnen, sie auch als emotionale Wesen begreifen, auf sie eingehen. Sagen Sie ihnen doch mal, wie lieb Sie sie haben.

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